Wie ich als „Wienerkind“ nach dem ersten Weltkrieg nach Norwegen verschickt wurde

Margarete Razesberger (94) war in den Jahren 1920 und 1921 als 10-jährige in Fredriksstad. Diese Zeit war immer sehr wichtig für sie. Sie spricht noch immer etwas Norwegisch und hat ihren Enkelkindern immer sehr viel erzählt. Geistig ist sie noch sehr fit und es hat ihr großen Spass gemacht ihr Enkelkind Susi Bali ihre Geschichte auf Band zu erzählen. 


 

So kam es dazu……
Eigentlich hätte ich gar nicht als Wienerkind verschickt werden sollen. Die Verwandten meiner Mutter hatten einen Bauernhof in Ungarn und wir haben jede Woche Lebensmittel von dort bekommen. Wir haben sogar noch unsere Nachbarn versorgt. Fast alle meine Freundinnen waren aber in unterschiedliche Länder verschickt worden. Zum Beispiel nach Schweden oder in die Schweiz. Eines Tages ist mein Vater, der Bezirksinspektor im ersten Bezirk war, nach Hause gekommenund hat erzählt, dass jetzt auch Kinder nach Norwegen geschickt werden. Darunter sollten auch Kinder der Wiener Polizisten sein. Der Polizeipräsident Schober hatte ihn gefragt ob nicht seine Kinder mitfahren könnten, denn er wollte sicher gehen, dass man sich für die geschickten Kinder nicht schämen müsste. Meine Mutter war strikt dagegen, dass ich nach Norwegen fahren sollte. Ich jedoch hatte gerade das Buch „Die Schneekönigin“ von Hans Christian Andersen gelesen und habe es mir so schön vorgestellt in so ein nördliches Land zu fahren. Und so habe ich meine Eltern so lange gebeten, bis ich fahren durfte.

 


Die Reise……
Wir sind vom Nordostbahnhof weg gefahren. Die Fenster der Waggons waren mit Brettern vernagelt. Ich bin furchtbar erschrocken, weil mir klar wurde, dass ich so meinem Vater nicht winken konnte und habe zu weinen begonnen. Mein Vater hätte mich am liebsten wieder mit nach Hause genommen. Die Lehrerin hat ihm dann zugeredet. Ich habe aufgehört zu weinen, damit mein Vater seine Ruhe hat. Er hat noch zu mir gesagt: „Ich werde der Mama sagen, dass du tapfer bist.“ Die Reise war sehr lange und beschwerlich. Die Waggons waren kalt und schmutzig. Wir haben am Fußboden liegen müssen. Da war Zeitungspapier aufgebreitet. Geschlafen haben wir mit Mantel und Kopfbedeckung.

Insgesamt waren wir vier Tage und drei Nächte unterwegs. In jeder großen Stadt sind wir ein paar Stunden gestanden. Das erste warme Essen haben wir auf der Insel Rügen bekommen. Ich weiß noch genau, dass es ein Rindsbraten war und herrlich geschmeckt hat. Dann sind wir auf ein Riesenschiff, die Fähre zwischen Deutschland und Schweden. Nach dem guten Essen sind wir da vergnügt eingestiegen. Dort war dann weißes Stroh ausgelegt. Unserer Lehrerinnen haben sich da beschwert, und die Schiffsleute versprachen beim nächsten Trupp Kinder besser vorzusorgen, aber wir haben im Stroh geschlafen. Am nächsten Tag war alles nur mehr norwegisch. Es waren dann auch Norwegerinnen da, die sich mit unseren Lehrerinnen gut verstanden.

Die Ankunft……
Und schon waren wir in Fredriksstad. Es kam zuerst Fredrikshall, dann Fredriksstad. Wir waren die ersten, die ausgestiegen sind. Da war der „Kjøpmann“ (Kaufmann) August Andersen. Der war allein und hat uns zwei (mich und Ida Beran) mitgenommen. Wir haben noch kein Wort norwegisch gekonnt, aber Onkel August hatte ein paar Worte deutsch gelernt und so fragte er: „Hunger?“ Wir haben die Köpfe geschüttelt. Dann stiegen wir in einen Pferdeschlitten, so wie die Fiaker nur eben ein Schlitten, und wurden in unser neues zu Hause gebracht. Eigentlich war es so, dass August und Hannah Andersen Ida als Pflegekind hatten und Hannahs Schwester Emmi Andersen mich. Aber wir waren immer zusammen und hatten eben drei Pflegeeltern. Sie haben sich auch die Arbeit immer zu dritt aufgeteilt. Es war ein lustiger Zufall, dass ich bei einer Familie Andersen landete, wo doch ein Buch von Hans Christian Andersen mich nach Norwegen gebracht hatte.

Die erste Zeit war gar nicht so einfach. Ich habe großes Heimweh gehabt. Alle waren sehr nett zu uns. Trotzdem habe ich meine Familie sehr vermisst. Gleich am ersten Tag haben uns unsere Pflegeeltern je eine große Puppe aus ihrem Geschäft geschenkt. Diese Puppen waren in Seidenpapier eingewickelt. Dieses Papier habe ich verwendet um einen Tagefresser zu machen. 90 Tage bis wir wieder nach Wien fahren würden. Onkel August hat den Tagefresser gefunden und gefragt was das sei. Ich habe ihm erklärt „Kalender“. Er hat verstanden und hat sich sehr gekränkt. Aber bald wurde es besser.

 


Ida Beran und ich (rechts) beim Stadtfotographen
von Frediksstad


 


Torvet – Der Marktplatz von Fredriksstad (ganz links ist das Kaufhaus von August
und Hannah Andersen)

 

Das Geschäft der Andersens war direkt am Marktplatz, dem Torvet. Im Erdgeschoß hat es alle möglichen Papierwaren zu kaufen gegeben. Im ersten Stock wurden Spielwaren verkauft. Ida und ich haben sehr viel Zeit in dem Geschäft verbracht. Dort arbeiten auch drei Verkäuferinnen. Eine davon, Jørdis, hat etwas deutsch gesprochen und wollte immer von uns verbessert werden. Ida hat immer gleich gesagt, dass alles richtig ist, was Jørdis gesagt hat. Aber ich habe sie ausgebessert, damit es nicht heißt, die Wiener Kinder haben es ihr so beigebracht.

Dann fuhren wir nach Oylenkilen. Dort war das wunderschöne Sommerhaus meiner Pflegeeltern. Das Haus hat Onkel August selbst gebaut, obwohl er nie zuvor als Tischler gearbeitet hat. Er war sehr stolz darauf.

 


Oylenkilen – Das Ferienhaus der Familie Andersen.
August und Hannah sind davor.

 

Wir haben direkt aus dem Bett steigen und ins Meer baden gehen können. Ganz in der Nähe hat die Familie Eskesen gewohnt (das heißt „kleine Schachtel“). Das waren sechs Kinder, mit denen wir immer gespielt haben. Die Zeit in Oylenkilen war wunderschön und wir hatten kein Heimweh mehr. Wir blieben anstatt drei Monate neun Monate und kamen erst Ende des Sommers wieder nach Wien zurück. Im darauf folgenden Jahr sind wir wieder zu unseren Pflegeeltern gefahren und blieben auch wieder den ganzen Sommer.

 


Ein unscharfes Foto von Ida und mir (rechts im hellen Kleid) mit
Onkel August und Tante Hannah.

 

Wir sollten bleiben……
Unsere Pflegeeltern haben uns so lieb gewonnen, dass sie uns eines Tages gesagt haben, dass sie uns
adoptieren wollen und, dass wir dann ihr Haus und ihr Geschäft erben würden. Für mich war ganz klar, dass ich
meine Eltern nie verlassen würde. Da könnte die Situation in Österreich noch so schlecht sein. Am Anfang hat vor allem Tante Hannah das undankbar gefunden und war gekränkt. Aber dann hat sie es verstanden. Ich war mir aber nicht so sicher, dass sie uns nicht immer wieder fragen würden. Im dritten Jahr ist dann nur mehr Ida hingefahren. Ich bin in Wien geblieben. Ida ist später auch dort geblieben. Während deszweiten Weltkriegs hat sie im Geschäft gearbeitet. Aber immer wenn Deutsche Soldaten hereingekommen sind, hat sie so getan als würde sie gar kein Deutsch können. So wütend war sie.

 


Ein Foto von Hanna und August Andersen, das sie mir 1933 geschickt haben

 


….und Tante Hannas Notiz dazu

 

Guter Kontakt……
Ich bin mit meinen drei Pflegeeltern noch lange in gutem Kontakt geblieben. Im Jahr 1927 kamen sie uns in Wien besuchen. Auch als Erwachsene habe ich sie in Frediksstad besucht. Für mich war die Zeit in Norwegen wirklich wichtig und ich bin sehr dankbar dafür. Meinen Kindern und Enkelkindern habe ich viel über meine Zeit als Wienerkind in Norwegen erzählt. Und gerne hätte ich ihnen alles selbst gezeigt…

 

Margarete Razesberger

 

 


Quelle: afbe@mfa.no  / Königl. Norwegische Botschaft Wien   |   Anteil in Ihrem Netzwerk   |   print