Die 1953 gegründeten Festspiele in Bergen sind das größte Festival seiner Art im nordischen Raum. 2010 umfasst das Programm 160 Veranstaltungen aus den Bereichen Musik, Oper, Theater, Tanz und darstellende Kunst. Bergen, die zweitgrößte Stadt Norwegens, ist eine historische Hafenstadt, Tor zu den Fjorden, Heimat des großartigen Komponisten Edvard Grieg. Zugleich ist Bergen der Sitz eines der ältesten Orchester der Welt: des 1765 gegründeten Bergen Philharmonic, das heute unter der Leitung von Andrew Litton steht.
In diesem Jahr bieten die Festspiele Bergen vor allem den norwegischen Stars eine Bühne – u. a. dem Pianisten Leif Ove Andsnes, dem Violinisten Henning Kraggerud, den Trompetern Tine Thing Helseth und Nils Petter Molvær, der mit der Bergen Big Band spielen wird, dem norwegischen Dirigenten Eivind Gullberg Jensen mit der NDR Radiophilharmonie Hannover, dem Norwegian Chamber Orchestra und dem Trondheim Symphony Orchestra. Aber auch internationale Künstler sind zu Gast, wie der Violinist Nicolai Znaider, die Pianisten Gabriela Montero und Saleem Abboud Ashkar, das Faust Quartett und Les Musiciens du Louvre unter der Leitung von Marc Minkowski.
„Anne Pedersdotter“ - die zentrale Musiktheaterproduktion der diesjährigen Festspiele
Nach mehreren Jahren an der Komischen Oper Berlin übernahm Per Boye Hansen 2005 die künstlerische Leitung der Festspiele in Bergen: „Für 2010 haben wir einiges an Sensation und Nervenkitzel im Ärmel, denn wir werden verschiedene der dunkleren Aspekte in der norwegischen Vergangenheit unter die Lupe nehmen, erklärt er. „Anne Pedersdotter“ ist die zentrale Musiktheaterproduktion der diesjährigen Festspiele in Bergen. Die Bühne für diese Zusammenarbeit zwischen Bergens Den Nye Opera und der Norwegian Armed Forces Band wird der historische Paradeplatz der Bergenhus Festung aus dem 13. Jahrhundert sein. Edvard Fliflet Bræin (1924-1976) komponierte 1971 die Oper „Anne Pedersdotter". Die Handlung spielt im späten 16. Jahrhundert. Im Mittelpunkt steht die Frau eines angesehenen Priesters aus Bergen, die ihrem Stiefsohn verfallen ist. Als ihr Mann erkrankt und letztendlich stirbt, wird sie der Hexerei angeklagt.
„Anne Pedersdotter“ ist ein packendes psychologisches Drama, sagt Per Boye Hansen. „Die Oper – in ihrer Tonsprache in den frühen 1970ern möglicherweise als konservativ empfunden – ist wahrscheinlich eines der besten Bühnenwerke, die norwegische Komponisten in den letzten 40 Jahren hervorgebracht haben. Bereits bei ihrer Premiere war „Anne Pedersdotter“ ein Riesenerfolg. Der dramatische Aufbau ist sehr konzentriert, die dunkleren Themen sind durchzogen mit lyrischen Elementen und Humor. Die Oper basiert auf dem gleichnamigen, erfolgreichen Stück von Hans Wiers-Jenssen (1866-1925), das auch Respighis in Ravenna angesiedelte Oper „La fiamma“ inspirierte. Unter der musikalischen Leitung von Peter Szilvay übernimmt die schwedische Sopranistin Ingela Brimberg die Hauptrolle. Regie führt Knut Hendriksen, ehemaliger Generaldirektor der Norwegischen Oper und langjähriger künstlerischer Leiter der Oper Stockholm.
Ole Bull-Jahr
Knut Hendriksen ist kein geringerer als der Urenkel des sagenhaften, aus Bergen stammenden Geigers Ole Bull (1810-1880), der Geschichten über seine eigenen übernatürlichen Fähigkeiten stets bereitwillig zum Besten gab. Die Festspiele Bergen 2010 feiern den 200. Geburtstag dieses großartigen Musikers und "vollendeten Schauspielers". Ole Bull galt als der "Paganini des Nordens", und zu seinen Bewunderern zählten u. a. Schumann und Liszt. Ole Bull übte einen außerordentlichen Einfluss auf Grieg und Ibsen aus, erklärt Per Boye Hansen. Seine extravagante Villa in Lysøen bei Bergen mit ihrer ausgefallenen Zwiebelkuppel wird häufig für Konzerte genutzt.
Die Festspiele in Bergen ehren Ole Bull u. a. mit einer Hommage von Vadim Repin und mit einer Geigensonderausstellung, die u. a. die Guarneri del Gesù des Künstlers zeigt. Per Boye Hansen unterstreicht, dass das norwegische Bildungssystem eine starke Elite junger Musiker – vor allem Geiger – hervorgebracht hat, zu denen auch Vilde Frang gehört. Die 22-Jährige erregte bereits vor zehn Jahren die Aufmerksamkeit der Geigerin Anne-Sophie Mutter bei den Festspielen in Bergen und hat heute einen Vertrag mit EMI Classics. Auch im Rahmen des diesjährigen Festivals werden sie und weitere junge hochbegabte Talente in Griegs Haus auf Troldhaugen Konzerte geben.
Philip Glass und das Bergen Philharmonic
Das 1982 entstandene Stück "Koyaanisqatsi" des Regisseurs Godfrey Reggio mit dem Soundtrack von Philip Glass soll die radikalste und einflussreichste Kombination von Ton und Bild seit Disneys Fantasia sein. Die Aufführung in Bergen ist die Europa-Premiere der Orchesterversion, und es wird Philip Glass' erster Besuch in Norwegen sein. Es spielen das Philip Glass Ensemble und Bergen Philharmonic unter Mitwirkung von Bergen Philharmonic Choir.
Der Regisseur Calixto Bieito mit einem neuen Stück
Auch der herausragende, manchmal durchaus auch umstrittene Regisseur Calixto Bieito aus Katalanien macht 2010 wieder in Bergen Station. Diesmal für eine Zusammenarbeit mit dem Betty Nansen Theater aus Kopenhagen. Mittels einer Collage aus Musik von J. S. Bach und Texten erzählt sein neues Stück die Passionsgeschichte in einer modernen Fassung. Bereits mit drei Produktionen war Bieito bei den Festspielen in Bergen zu Gast: mit „Peer Gynt", "Die Entführung aus dem Seraillet" und „Brand“. Per Boye Hansen erläutert: „Calixto Bieito besticht durch unglaubliche Vorstellungskraft wie durch tiefe Analyse. Seine Arbeit ist sehr vielschichtig und die Zuschauer können die Kraft seiner persönlichen Entwicklung spüren. Seine Inszenierungen sind in Bergen sowohl von der Presse als auch vom Publikum mit Begeisterung aufgenommen worden. Es gab viel mehr Kontroversen, als ich in Berlin mit ihm gearbeitet habe, aber dies betraf auch eher den Bereich Oper als das Theater. Obwohl er mit starken Effekten arbeitet, ist es nicht sein Ziel zu provozieren.“
Viele Programmhöhepunkte
Den Bereich Tanz repräsentieren bei den Festspielen Bergen 2010 die New Yorker Paul Taylor Dance Company, ein Flaggschiff des modernen Balletts, die Osloer Jo Strømgren Kompani, die sich "in ihrem Crossover-Stil auf direkte Kommunikation, physische Rohheit und absurden Humor“ konzentriert, sowie Carte Blanche, Norwegens nationale Company für zeitgenössischen Tanz.
Mit „Svartediket“ (Schwarzer Pfuhl) von Arild Brakstad entdecken die Festspiele in Bergen eine weitere düstere Seite der norwegischen Vergangenheit – und vielleicht auch der Gegenwart. Die Musiktheaterproduktion ist in der der Sparte „black metal music“ angesiedelt – eine besonders frenetische Form der Rockmusik, in der norwegische Bands weltweit führend sind. "Svartediket" ist ein See in der Nähe von Bergen, der als Wasserspeicher für die Stadt dient. Bis ins späte 18. Jahrhundert hinein jedoch war er das nasse Grab unerwünschter Kinder. Aufgeführt wird die Produktion in Norwegens ältestem festem Theater, Den Nationale Scene, das auf das 1850 von Ole Bull gegründete Det Norske Theater zurückgeht.
Die Festspiele Bergen sind in der Tat, wie Per Boye Hansen unterstreicht, „der Treffpunkt für die interessantesten kreativen und darstellenden Künstler des Nordens und auch darüber hinaus." Rund 40 000 Zuschauer werden in Bergen erwartet.
Das gesamte Programm und viele Informationen finden Sie hier.
Text: Festspiele Bergen / OPHELIAS PR / Norwegische Botschaft in Berlin