Österreich:
Welche Bedeutung hatten das Kulturland Österreich und die Stadt Wien für Ihre Karriere? – Welches Verhältnis haben Sie zu diesem Land?
Ich habe eine enge Beziehung zu Österreich und bin auch ein bißchen herum gereist, doch Wien ist wohl die Stadt, mit der ich mich am meisten verbunden fühle. Ich kann mich gut an mein Debüt im Musikverein, im Jahr 1991, erinnern. Ich spielte damals Griegs Klavierkonzert. Seit Mitte der 1990-er Jahre trete ich regelmässig in Wien auf – insbesondere im Konzerthaus und im Mozart-Saal, einem der besten Säle für Solo-Repertoires und Kammermusik. Was diese Stadt so luxeriös macht, ist selbstverständlich das lebendige Kulturleben und die langjährige Tradition im Bereich der klassischen Musik. Die Vielfalt in dieser Stadt ist fantastisch - als klassischer Musiker fühlt man sich hier schnell zu Hause und sehr wohl. Die Einwohner legen wirklich Wert auf das klassische Genre. Beispielsweise wurde ich vor einigen Jahren, am Tag nachdem ich ein Konzert gespielt hatte, in einer Trafik von einem Mann angesprochen, der seine Glückwünsche zum „gestrigen“ Konzert aussprach.
Das letzte Mal als Sie im Musikverein aufgetreten sind, haben Sie ein Solo-Repertoire gespielt Dieses Mal werden Sie ein Klavierkonzert von Brahms mit dem Orchestre de Paris vortragen. Können Sie mir etwas über die Hauptunterschiede zwischen einem Konzert, in dem man alleine auf der Bühne steht, und einem Konzert, in dem man Teil einer Gruppe ist, erzählen? Ist die Nervosität dieselbe? Ziehen Sie eine der beiden Varianten vor?
Ein Konzert mit einem Orchester ist ein sehr intensiver Prozess. Die Proben und Vorbereitungen in den Tagen vor dem Konzert sind von Spannung, hoher Konzentration und Rastlosigkeit geprägt. Man muss besonders viel Festigkeit beweisen, um als Solist mit einem großen, „70-köpfigen Troll“ zu spielen – und einen Klang schaffen, der sich vom Orchester abhebt und gleichzeitig das Zusammenspiel mit dem Orchester betont. Sowohl aus einer geistigen, als auch aus einer sozialen Perspektive ist es ein großer Unterschied, Teil eines größeren Organismus zu sein.
Wenn ich ein Solo-Repertoire spiele, handelt es sich vielmehr um einen Prozess, bei dem man in sich kehrt – eine Reise in das eigene Ich. Zusätzlich ist es eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, ein ganzes Programm selbst vorzutragen. Mit meinem letzten Konzert im Musikverein bin ich sehr zufrieden.
Ein engagierter Andsnes in der Meisterklasse. Foto: Ambassaden Der Musikverein:
Welches Verhältnis haben Sie zum Musikverein? Verglichen mit der Carnegie Hall, die Platz für beinahe 3000 Gäste hat, haben im Musikverein deutlich weniger Menschen, etwa 1700, Platz. Welchen Einfluss hat dies auf das Konzerterlebnis?
Der Saal hat die perfekte Größe für ein Klavierkonzert. Es ist oft schwierig in Sälen zu spielen, in welchen mehr als 2000 Menschen Platz haben. Der Musikverein offenbart eine fantastische Intimität. Als ich zum ersten Mal in ihm spielte, war ich überrascht einen Saal vorzufinden, der so intim ist – ich hatte angenommen, dass er viel größer sei. Mit einem großen Orchester kann es indessen ziemlich eng auf der Bühne werden und der Ton im Saal wird rasch zu intensiv, wenn ein ganzes Orchester auftritt.
Es wird oft gesagt, dass das Publikum in Wien besonders anspruchsvoll und kritisch ist; haben Sie damit bereits Erfahrungen gemacht? Erleben Sie das Publikum in Wien als anders, im Vergleich zum Publikum in anderen großen Ländern der klassischen Musik, wie etwa den USA, Deutschland, England usw.?
Wenn man in Wien spielt spürt man die Anwesenheit des Publikums und dass Menschen, die viel Musik hören, sich im Raum befinden – insbesondere in den kleineren Sälen. Man könnte das Wiener Publikum als die Gemeinschaft der klassischen Musik bezeichnen. Ich habe oft das Gefühl, dass die Details, an denen ich in einem Stück gearbeitet habe, bei meinen Konzerten in Wien vielmehr wahrgenommen werden; hier haben sie eine Bedeutung. Es gibt nur wenige Städte in der Welt, in denen man z.B. spezielle Serien für Streichquartette hat und in denen das Publikum vor allen Dingen kommt, um ausgewählte Stücke zu hören. In vielerlei Hinsicht wird dadurch deutlich, dass der Schwerpunkt der klassischen Musik sich in Wien befindet.
Ein aufgeweckter und fröhlicher Andsnes. Foto: Ambassaden Zum Konzert und Brahms Klavierkonzert Nr. 2:
Sie haben dieses Stück als ein sehr komplexes Stück beschrieben, mit vielen Gefühlen und Farben, Melancholie, Freude, Drama, ungarischen Tanzmelodien, Maskulinität, Sinnlichkeit, viel Kammermusik usw. Können Sie uns mehr über Ihre Beziehung zu diesem Werk erzählen?
Zunächst handelt es sich um ein sehr langes Klavierkonzert. Es hat eine einzigartige Qualität und zeichnet sich weiters durch einen inspirierenden und einmaligen Dialog mit dem Orchester aus. Im Vergleich zu anderen Klavierkonzerten glaube ich, dass das Orchester nicht „im Hintergrund“ spielt, sondern vielmehr eine besondere, einzigartige Rolle innehat. Dies ist auch darauf zurückzuführen, dass vielen Musikern des Orchesters zentrale Solo-Partien im Konzert zukommen.
Brahms Klavierkonzert Nr. 2 nimmt viel Platz ein und gibt Zeit zum Verdauen. Das Konzert „atmet“ auf eine ganz besondere Weise und ist äußerst „organisch“.
Es wird oft behauptet, dass Brahms mit Harmonien gearbeitet hat, die schwer zu verstehen sind – so dass das Publikum auf eine Probe gesetzt wird, wenn seine Musik vorgetragen wird. Was halten Sie von dieser Aussage? Was würden Sie als Brahms Eigenart bezeichnen?
Der Klang von Brahms Musik ist vielleicht als etwas dunkel und undurchdringbar zu beschreiben. Sie besteht oftmals aus unabhängigen Stimmen, die gegeneinander gesetzt werden. Die Werke Brahms haben ein fantastisches Handwerk, man entdeckt immer wieder neue Dinge. Beim ersten Zuhören fühlen die Menschen oft eine gewisse Distanz zu Brahms Musik. Als Person hat Brahms versucht, Teile seines Selbst zu verstecken, er war besonders geheimnisvoll und manchmal auch desillusioniert – Spuren davon sind vielleicht auch in seiner Musik zu finden.
Zu Norwegen:
Über Ihre Wurzeln in Norwegen: Wie prägen Ihre Wurzeln in Norwegen Sie als Künstler? Wie spiegeln sie sich in Ihrem künstlerischen Ausdruck wider?
Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, dass es für einen Musiker sehr wichtig ist, Stille zu erleben – etwas, das in unserer Gesellschaft mittlerweile zu einem Luxus geworden ist. In Norwegen finde ich diese Stille sehr oft und ich habe ein großes Bedürfnis danach, im Sommer viel Zeit in Norwegen zu verbringen – sowohl auf der Hütte als auch mit der Familie.
Legen Sie großen Wert darauf, norwegische Kultur/Musik im Ausland zu fördern? Sollte die Antwort JA lauten: Auf welche Art und Weise?
Ich habe im Laufe der Jahre viel Grieg gespielt und habe ihn auch sehr lieb gewonnen. Grieg ist ein Komponist, mit dem ich mich von Zeit zu Zeit viel beschäftige. In einer Phase arbeite ich sehr intensiv mit Grieg, bis ich ihn wieder für eine Weile weglege. Doch dann passiert es, dass ich etwas höre, das wiederum bewirkt, dass ich Lust bekomme Grieg zu spielen. Er gibt mir ein sehr starkes Gefühl der Geborgenheit und ist fast so etwas wie ein alter Freund für mich.
Sie treten auf der ganzen Welt, in den angesehensten Konzertsälen und mit den renommiertesten Orchestern der Welt auf. Was unterscheidet Sie von anderen Solo-Pianisten? Gibt es bestimmte Faktoren, auf die Sie einen besonderen Wert legen, wenn Sie Ihre Musik vermitteln?
Jeder Musiker, der etwas zu sagen hat, hat wohl seine eigenen Gesetze und Regeln. Ich wurde in frühem Alter darauf aufmerksam, dass die Menschen zuhören wenn ich spiele, was ein sehr schönes Erlebnis ist. Ich habe oft das Gefühl, dass ich das Publikum in eine Erzählung mitnehme, wenn ich alle Kontraste und Möglichkeiten, die es in einer Geschichte gibt, vortrage. Man könnte es fast mit einem Schauspieler, der eine Geschichte erzählt, vergleichen. Mir ist wichtig, dass mein Spiel nicht zur Routine wird – ich möchte das Gefühl hinterlassen, dass „hier und jetzt“ Musik geschaffen wird, wenn ich mich auf der Bühne befinde. Auf der Bühne erfahre ich oft intensive Augenblicke, ich fühle mich stark und das ist der Grund, weshalb ich so viele Konzerte im Jahr geben kann.