Kindheit
Könnt ihr ein bisschen von eurer Kindheit erzählen? Woher kommt euer Interesse für Musik?
Ragnhild: Wir sind in naturschönen Umgebungen in Aurdal (Valdres), in einem kleinen Dorf in der Mitte von Norwegen, mit knapp 1000 Einwohnern, aufgewachsen. Unsere Mutter ist ausgebildete Musikerin und hat ein großes Herz für Volksmusik. Da unser Vater Bergaufseher ist, und damals häufig in den Bergen unterwegs war, war es oftmals sehr schwierig einen Babysitter zu finden. Dies hatte zur Folge, dass wir unsere Mutter zu Konzerten und in die Musikschule begleiteten. Man könnte sagen, dass wir die Musik „mit der Muttermilch“ bekommen haben und die Wahl, Geige und insbesondere Hardingfiedel zu spielen, lag uns dementsprechend sehr nah.
Welche Bedeutung hat norwegische Musik – vor allem Edvard Grieg, Ole Bull, Volksmusik, Nordheim usw. für euch?
Eldbjørg: Volksmusik und Hardingfiedel sind zwei große Bestandteile unserer Kindheit gewesen und haben immer noch eine große Bedeutung in unserem Leben. Mit dem norwegischen Rundfunk NRK machten wir eine Dokumentation, bei der wir in den Fußstapfen des norwegischen Geigers Ole Bull, der im 19. Jahrhundert tätig war, gegangen sind – auf der Jagd nach seinem speziellen Klang. Es war wie eine Schatzsuche, in der auch die Zuschauer einen tieferen Einblick in unsere Tätigkeit als Musikerinnen und in uns als individuelle Personen bekommen durften.
Eldbjørg: Wir legen sehr großen Wert darauf, norwegische Komponisten – sowohl zeitgenössische als auch verstorbene – ins Licht zu bringen, um das norwegische Kulturerbe zu fördern. Die Tatsache, dass wir von Norwegern komponierte Stücke in unser Reportoire einschließen, führt auch mit sich, dass wir stets einigermaßen untraditionelle Wahlen machen, was wiederum dazu beiträgt, dass wir uns von anderen Musikern unterscheiden.
Foto: Thor Østbye
Auf welche Weise spiegelt sich die norwegische Mentalität bzw. eure norwegische Herkunft in eurem artistischen Ausdruck wider?
Ragnhild: Erstens bin ich der Meinung, dass das Jantegesetz („Du sollst nicht glauben, dass du etwas bist“) etwas bewirkt hat – vor allem im Bezug auf die Art wie wir an die Musik herangehen und mit ihr umgehen. Im Konzertzusammenhang sind wir uns außerdem dessen sehr bewusst, dass wir als Solisten Teil eines großen Ganzen sind. Wir sehen uns nicht als „ein Star“.
Musik und Instrumente
Beide Hemsing-Schwestern spielen sowohl ein traditionell norwegisches Instrument, und zwar die Hardangerfiedel, als auch Violine.
Ragnhild: Beide Instrumente haben eine lange Tradition, allerdings sehr verschiedene Traditionen. Der Unterschied zwischen einer Hardangerfiedel und einer Violine ist sehr groß, da es sich um zwei ganz unterschiedliche Instrumente handelt, bei denen ganz verschiedene Techniken (z.B. zur Klangproduktion) gefordert sind. Weiters spielt man bei der Hardingfiedel sehr wenig mit Vibrator. Die Aneignung der Musikstücke verläuft bei der Hardingsfiedel auch auf eine ganz andere Art als bei der Violine, da sie meistens nicht verfasst worden sind. Die Musikstücke werden mündlich überliefert. Zwei zentrale Komponenten beim Erlernen der Stücke für die Hardangerfiedel sind deshalb das „Zuhören“ und das „Nachahmen“.
Eldbjørg: Auf einer gefühlsmäßigen Ebene besteht auch ein großer Unterschied, ob man Hardangerfiedel oder Violine spielt. Mit der Violine kann man sich in höherem Grade expressiver ausdrücken, was unter anderem damit zu tun hat, dass man mit Vibrator spielen kann. Mit der Violine ist es in vielerlei Hinsicht einfacher zu vermitteln, was einem auf dem Herzen liegt, und die Violine repräsentiert gewissermaßen eine Verlängerung unserer Seele.
Foto: Thor Østbye
Die Schwestern geben auch gerne gemeinsame Konzerte unter dem Namen „Die Hemsingschwestern“. Ihre Reflektionen dazu sind wie folgt:
Eldjörg: Wir haben schon in unserer Kindheit immer viel zusammen musiziert. Das Bedürfnis, auf unsere eigenen Karrieren als Solistinnen zu fokussieren, ist im Moment aber sehr groß. Wir haben den Wunsch unser eigenes und deutliches Profil als Musikerinnen zu entwickeln.
Ragnhild: Dies ist und bleibt unser Hauptfokus. Es ist aber nett gelegentlich Konzerte zusammen zu geben.
Über ihr Verhältnis zu Wien und Österreich
Ragnhild: Da wir bei Prof. Kuschnir Unterricht nehmen, sind wir oft in Wien – einer Stadt, die als ein Mekka für Musiker zu beschreiben ist. Fast alle großen Musiker und Komponisten haben hier gelebt und gespielt, und man kann immer noch mehrmals die Woche große Solisten und Orchester auf Weltklasse-Niveau in Wien erleben. Wir genießen aber auch die vielen anderen Kulturangebote und besuchen stets Kunstgallerien.
Eldbjørg: Verglichen mit Norwegen haben die Menschen in Wien ein ganz anderes Verhältnis und eine ganz andere Tradition zu klassischer Musik – das inspiriert uns sehr.
Legt ihr großen Wert darauf, die norwegische Kultur im Ausland zu fördern, wenn ja, auf welche Weise?
Eldbjørg: Abgesehen davon, dass wir von Norwegern komponierte Stücke vortragen, bildet die Musik auch eine Arena um andere Kulturaspekte von Norwegen zu fördern. Kleider sind ja unsere Arbeitsanzüge, und ich finde es schön die Möglichkeit zu bekommen, norwegisches Modedesign zu präsentieren wenn ich auf der Bühne stehe. Ich nehme auch im Designprozess der Kleider teil, um sicherzustellen, dass das Kleid mit dem Stück/Werk, das ich spiele, harmoniert. Seit kurzem arbeite ich mit der norwegischen Designerin Hege Kristiansen. In der Vergangenheit habe ich unter anderem in Kleidern von Modedesignern wie Skarra und Laila Hafzi Musikstücke vorgetragen.
Debüt-CD
Im Herbst, genauer gesagt im September, erscheint die Debüt-CD von Ragnhild Hemsing.
Ragnhild: Eine Debüt-CD zu veröffentlichen, war für mich immer wie ein unerreichbarer Traum. Jetzt, wo dieser Traum endlich wahr wird, wird es auch eine CD, ausschließlich mit Musik von norwegischen Komponisten wie Grieg und Sparre-Olsen. Ich werde den Zuhörern meine Herkunft spüren lassen – es ist mehr oder weniger ein Identitätswerk.
Eldbjørg: Eine sehr gute CD!!
Im Frühling und Sommer:
Eldbjørg: Ich werde viele Konzerte in Norwegen geben, sowie bei verschiedenen Festivals auftreten, wie bei den Festspielen in Bergen und beim Oslo Kammermusikfestival.
Ragnhild: Ich werde Konzerte in Deutschland, Lissabon, Rio, Beijing, England und in den USA haben.